Schweizer Hightech für den Volvo EX60

Uzwiler Know-how macht den neuesten Elektro-SUV von Volvo nicht nur nachhaltiger in der Herstellung, sondern auch dessen Karosserie steifer. Das sorgt beim EX60 für mehr Fahrspass.

Michael Cinelli, Director Product Management & Marketing bei Bühler, erläutert, welche Teile unter anderem mit dem Verfahren des Schweizer Spezialisten hergestellt werden können. Foto: Autosprint

Die meisten werden wohl auf der Autobahn A1 zwischen Wil und St. Gallen einfach an Uzwil vorbeifahren. Dabei ist hier die Firma beheimatet, auf deren Produkten und dank deren Technologien beispielsweise 65 Prozent (!) des weltweit vermahlenen Weizens verarbeitet werden und dank deren innovativen Megacasting-Lösungen Autohersteller weltweit massiv Kosten, Zeit und CO2 sparen können: Bühler. Gegründet wurde das Familienunternehmen bereits 1860. Heute ist der Hidden Champion in 140 Ländern vertreten, hat 27 Produktionsstandorte sowie 26 Forschungs- und Trainingscenter weltweit und machte letztes Jahr 2,8 Milliarden Franken Umsatz.

Der neue Volvo EX60 (rechts) und das Alu-Karosserieteil (links) vor einer Megacasting-Maschine der Ostschweizer Firma Bühler. Foto: Volvo

Auf die Details kommt es an

Beeindruckend, genauso wie die Druckgussmaschinen, auf denen beispielsweise für den neuen Volvo EX60 wichtige Teile aus flüssigem Alu hergestellt werden. Neben dem Industriekoloss wirkt der doch 4,80 Meter lange und 1,90 Meter breite Elektro-SUV fast zierlich. Dabei handelt es sich um eine viel kleinere Einheit der Zweiplatten-Druckgiessmaschinen als jene, die im Volvo-Werk in Trollhättan (S) im Einsatz sind. «Grosse Maschinen herzustellen, ist gar nicht so schwierig, da braucht es vor allem einiges an Stahl», meint Michael Cinelli, Director Product Management & Marketing bei Bühler, verschmitzt. «Aber die Details sind entscheidend, und da haben wir bei Bühler die Nase vorn. Bei der Dosierung haben wir beispielsweise schon in den 1950er-Jahren mit der Automatisierung angefangen.» Schweizer Hightech hat also Tradition und wurde in den 1980er-Jahren vor allem für die Motorblock-Produktion genutzt. 20 bis 30 Teile eines Verbrenners stammen aus Druckgusspressen, und auch viele Karosserieteile, etwa die vorderen Stossdämpferhalter, wurden und werden so produziert.

Michael Cinelli mit einem Alu-Teil, das im Druckguss-Verfahren hergestellt wurde. Foto: Autosprint

Statt 99 nur noch 1 Teil

Also doch nichts Bahnbrechendes? Weit gefehlt: Dank neuster Verfahrenstechniken kann man mit den Bühler-Maschinen, die sich hydraulisch jedes Mal mit dem Gewicht des Eiffelturms (!) schliessen und die beiden Formen, in welche das rund 720 Grad heisse und flüssige Alu wohldosiert und innert Millisekunden eingespritzt wird, zusammenpressen, so viel komplexere und grössere Karosserieteile herstellen. Mats Brodin, Megacasting-Spezialist bei Volvo, verrät: «Bei der letzten Volvo-Fahrzeugplattform SPA2 hatten wir in dem Karosseriebereich 99 Einzelteile, mit dem neuen Verfahren haben wir bei der SPA3, auf der auch der EX60 basiert, noch ein einzelnes Teil.» Vor allem in der Herstellung, bei den Prozessschritten, aber auch in der Logistik ermöglicht das massive Einsparungen. Statt Wochen für die unterschiedlichen Arbeitsschritte und Qualitätsprüfungen dauert es nun nur 120 Sekunden, bis ein grosses, 43 Kilo schweres Unterbodenteil über der Hinterachse gefertigt werden kann. «Wir konnten Tausende von Tools und rund 300 Roboter ersetzen, die früher fürs Zusammenschweissen der Teile nötig waren. Auch die Komplexität der Lieferkette ist massiv gesunken», so Brodin.

Mats Brodin, Megacasting-Spezialist bei Volvo, erläuterte die massiven Einsparungsmöglichkeiten innerhalb des Produktionsprozesses. Foto: Autosprint

Auch viel nachhaltiger unterwegs

Das neue Verfahren mit den Schweizer Megacasting-Kolossen ist zudem viel nachhaltiger: Nach dem automatischen Check und der Kühlung wird das fertige Teil für die Weiterverarbeitung im Volvo-Modell vom Roboter aufs Band gelegt. Die überschüssigen Ränder und Strukturen, die beim Druckguss entstehen, können gleich wieder eingeschmolzen werden. «Und weil wir bei Volvo mit mindestens 50 Prozent Recycling-Alu arbeiten, sind wir auch da nochmals nachhaltiger», ergänzt der schwedische Ingenieur. «Das beste Alt-Alu kommt übrigens aus alten Motorblöcken.» Etwas ironisch, denn somit liefern ausgerechnet alte Verbrenner einen wichtigen Teil der Basis für den Elektro-Volvo.

Der Volvo EX60 fährt bei uns mit drei Akku-Varianten vor. Foto: Volvo

Mit der Steifigkeit eines Rennboliden

Und der Kompakt-SUV profitiert noch von einem weiteren Megacasting-Vorteil: «Wir konnten die Steifigkeit der Karosserie klar erhöhen. Wir erreichen eine Struktursteifigkeit von 51,7 kN/Grad, das haben normalerweise nur LMP-Rennboliden.» Mats Brodin erläutert: «Das gibt den Chassis-Ingenieuren ein viel grösseres Fenster für die Fahrzeugabstimmung. Auch die Ruhe im Interieur eines Autos hat sehr viel mit der Steifigkeit seiner Teile zu tun.» Hier hilft dem Volvo zudem die sogenannte Cell-to-Body-Technologie, bei der die Batterie direkt ins Chassis integriert wird und selbst ein Teil der tragenden Struktur ist.

Gediegen und im zurückhaltenden skandinavischen Stil gehalten: das Cockpit des EX60. Foto: Volvo

Drei Akku-Varianten und viel Reichweite

Angeboten wird der EX60 übrigens mit drei Akkugrössen von 83, 95 und 117 kWh. Das verhilft dem Schweden beim Hecktriebler mit 275 kW/374 PS zu 620 km Reichweite. Beim Allradler mit 375 kW/510 PS sind es dann 660 km, und die sportlichste Variante mit 500 kW/680 PS schafft es dank des grössten Akkupacks sogar auf 810 km, bis sie wieder aufgeladen werden muss. Das geht dank 800-Volt-Architektur am Schnelllader innert 15 Minuten von 10 auf 80 Prozent. Zügig kann man mit dem E-SUV auch auf der Strasse unterwegs sein. Zwar merkt man die Lastwechsel beim scharfen Anbremsen gut, aber die grosse Karosseriesteifigkeit und die präzise Lenkung animieren im Volvo zu dynamischer Fahrweise. Gleichzeitig ist es auch ein Genuss, im gewohnt hochwertig verarbeiteten und mit nordischem Schick glänzenden Interieur einfach nur komfortabel dahinzugleiten.

Dank seiner hohen Karosseriesteifigkeit überzeugt der Volvo mit gutem Handling und Fahrverhalten. Foto: Volvo

Die Preise für den Schweden, der von Ostschweizer Hightech-Know-how profitiert, starten übrigens bei 72’000 Franken. Und wer den eleganten Volvo EX60 noch im robusteren Offroad-Look als EX Cross Country will, der muss sich bis im Frühjahr 2027 gedulden. Dann kommt die auf dem 510-PS-Allradler basierende, aber mit Luftfederung ausgestattete Variante ab 77’700 Franken zu uns.

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