OTA-Updates: Wohl oder übel?

Moderne Autos können per Updates «Over-the-Air» auf den neuesten Stand gebracht werden. Das bringt viele Vorteile für Hersteller und Kunden, aber auch berechtigte Bedenken.

Komfortfunktionen wie In-Car-Payment (Mercedes) sind bereits heute verfügbar. Foto: Mercedes

Bereits seit Jahren bieten manche Automodelle die Möglichkeit, das Fahrzeug via Updates «Over-the-Air» (OTA) aktuell zu halten. Wie bei einem Smartphone werden diese Aktualisierungen via Internet aufs Auto gespielt und können dann dort auf Tastendruck installiert werden. Auch einige neue Funktionen können so freigeschaltet werden. Und das war erst der Anfang.

Ein Riesengeschäft
Der neueste Megatrend in der Autoindustrie heisst Software Defined Vehicle (SDV). Dahinter verbirgt sich ein neuer Entwicklungsansatz, bei dem softwaregesteuerte Funktionen im Zentrum stehen. Ein SDV basiert auf leistungsfähiger Rechenhardware, einem Echtzeit-Betriebssystem und einer modularen Software-Architektur, die dann per Over-the-Air-Updates laufend aktuell gehalten werden kann. Künftig werden die allermeisten neuen Modelle nach diesem Entwicklungsansatz entworfen und konstruiert werden.

Touchscreens, digitaler Schlüssel oder Over-the-Air-Updates prägen bereits den Alltag vieler Autofahrer

Das SDV eröffnet den Autoherstellern neue Geschäftsfelder. Künftig lassen sich nicht nur Apps, sondern auch komplette Fahrfunktionen nachträglich via OTA-Update freischalten – natürlich nicht gratis. Das wirtschaftliche Potenzial für die Autohersteller scheint erheblich zu sein: Branchenanalysten rechnen damit, dass software-basierte Dienste rund ums Auto in den kommenden Jahren Milliardenumsätze generieren dürften. «Software wird zu einem der wichtigsten Wachstumstreiber unseres Unternehmens», bestätigt etwa General-Motors-Chefin Mary Barra.

GM-Vorstandsvorsitzende und CEO Mary Barra. Foto: GM

Für die Kunden liegt der grösste Vorteil darin, dass das eigene Fahrzeug im digitalen Zeitalter stets auf dem neuesten Stand bleibt. Die digitalen Features, von der Ambiente-Beleuchtung über KI-Sprachassistenten bis hin zu teilautonomen Fahrsystemen, können so in immer grösserer Anzahl und in immer aufwendigerer Ausführung auch lange nach dem Fahrzeugkauf angeboten werden.

Software-Update MBUX 3.3 bringt neue Funktionen in mehr als 700’000 Fahrzeuge weltweit – Dolby Atmos für Entertainment-Apps: verbessertes Sound- und Videoerlebnis jetzt verfügbar für Amazon Music und Audible. Foto: Mercedes

Nicht zu Ende entwickelt?
Doch es gibt ebenfalls eine Kehrseite der OTA-Updates. Es gibt die Befürchtung, dass neue Autos beim Kauf nicht mehr vollständig ausgereift sind, da funktionale Mängel später einfach per Update-Over-the-Air behoben werden können. Man entwickelt das Auto also nicht bis ins letzte Detail fertig, sondern bringt quasi eine Beta-Version auf den Markt, die dann später per OTA-Update korrigiert werden kann. Zugeben würde das natürlich kein Hersteller – doch diverse neue Elektromodelle, namentlich aus China, zeigen, dass diese Bedenken durchaus berechtigt sind.

Kia hat seine Software aktualisiert. Foto: Kia

Überhaupt nutzen chinesische Elektroauto-Hersteller die Funktion der OTA-Updates ausgiebig. Dauerten früher die Entwicklungszeiten für ein neues Fahrzeug etwa sechs Jahre, bringen die Chinesen ihre neuen Modelle teilweise in unter zwei Jahren auf den Markt – und passen sie anschliessend über die Software an. Das hat durchaus auch Vorteile, schliesslich können die Hersteller so in kürzester Zeit auf Kunden-Feedback eingehen. So werden chinesische Modelle in den europäischen Märkten lanciert und dann nach und nach per OTA-Updates mehr an die europäischen Vorlieben angepasst.

Ola Källenius, Vorsitzender des Vorstands der Mercedes-Benz Group AG. Foto: Mercedes

Ein fader Beigeschmack
Ein weiterer Vorteil: Die Autohersteller können Mängel, die in der Entwicklung immer passieren können, innerhalb weniger Tage flächendeckend beheben, statt umständliche und sehr teure Rückrufaktionen durchführen zu müssen. Nicht nur für neue Hersteller aus China ist dies ein klarer Vorteil. OTA-Updates werden auch von europäischen Hersteller fleissig genutzt: Die neuesten Elektroplattformen von Mercedes-Benz und BMW haben ebenfalls eine moderne Elektronikarchitektur mit zentralen Hochleistungsrechnern und eigenen Betriebssystemen – und werden per OTA-Update aktuell gehalten. «Damit werden unsere Autos nicht mehr älter, sondern über die Jahre immer besser», sagt dazu Mercedes-Chef Ola Källenius.

Und los: Die Modelle 01, 08 und 02 (von links) werden in der Schweiz über Händler des Volvo-Netzes vertrieben. Foto: Lynk&Co

In China geht man derweil bereits einen Schritt weiter: Das Elektro-Startup Nio oder auch die soeben in der Schweiz gestartete Marke Lynk&Co haben eine Feedback-Funktion im Fahrzeugbetriebssystem integriert, über die Fahrer direkt Verbesserungswünsche melden können. So kann der Hersteller noch schneller und gezielter reagieren. Doch der fade Beigeschmack beim Neuwagenkauf, weil man letztlich ein unausgereiftes Produkt erwirbt, wird wohl vorerst bleiben.

Kia bietet für den EV 3 drei verschiedene In-Car-Infotainmentpakete an. Foto: Kia

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