Leistungswahn: Was kommt als Nächstes – beamen?

Von wegen Elektromobilität sei vernünftig: Der Batterieantrieb eröffnete den Autoherstellern Möglichkeiten, von denen sie früher nicht einmal zu träumen gewagt haben. Das Ergebnis sind haarsträubende Leistungswerte – und noch ist kein Ende in Sicht.

Das kroatische Hypercar Rimac Nevera mit 1407 kW/1914 PS dank vier E-Motoren. Foto: Rimac

Mit dem Einzug des E-Motors werde endlich Vernunft in der PS-Branche einkehren, so zumindest war dies einst überall zu lesen. Ein nachhaltiger Irrglaube, passiert ist genau das Gegenteil: Der Elektroantrieb eröffnet den Autoherstellern Möglichkeiten, von denen sie früher nicht einmal zu träumen wagten. Für eine massive Erhöhung der Antriebsleistung braucht es zwar noch immer teurere Teile wie etwa hochwertige und komplexe Fahrwerkskomponenten am Auto. Nur: Den Antrieb zuverlässig auf eine hohe PS-Zahl zu bringen, ist beim Elektromotor keine Kunst mehr.

Der noch experimentelle McMurtry Spéirling Pure schiesst sich in unter 1,5 Sekunden auf Tempo 100. Foto: McMurty

Statt möglichst umweltfreundliche E-Autos zu entwickeln, überbieten sich die Marken aktuell gegenseitig mit immer grösseren Batterien, immer höheren Leistungszahlen und Beschleunigungswerten, die einem schon auf dem Papier den Atem rauben. Das alte PS-Wettrüsten der Branche ist durch die Elektrifizierung neu entfacht worden und nimmt Dimensionen an, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar waren.

Im Familien-SUV auf den Drag-Strip

Ein gutes Beispiel für diesen neuen Leistungswahn ist das neue Tesla Model X Plaid, ein Familien-SUV mit sieben Plätzen und bis zu 2614 Litern Kofferraumvolumen. Doch beim Druck aufs Fahrpedal bricht die Hölle los: Der fünf Meter lange und leer knapp 2,6 Tonnen schwere US-Koloss spurtet mit seiner Systemleistung von 750 kW/1020 PS derart vehement los, dass es einem die Eingeweide ins Rückgrat presst. Null auf hundert in 2,6 Sekunden – noch vor wenigen Jahren haben selbst die teuersten Hypercars der Welt kaum solche Werte erreicht.

Mit dem komplett überarbeiteten Taycan Turbo GT durchbricht nun auch Porsche die 1000-PS-Schallgrenze. Foto: Porsche

Auch zahlreiche andere Modelle sprengen inzwischen den Rahmen dessen, was man noch vor wenigen Jahren für überhaupt machbar hielt. Der Porsche Taycan Turbo GT entwickelt im Overboost-Modus eine Systemleistung von 815 kW/1108 PS und ein maximales Drehmoment von 1340 Nm. Damit beschleunigt der viertürige Zweisitzer in 2,3 Sekunden auf Tempo 100 und lässt den neuen Porsche 911 Turbo S deutlich hinter sich. Noch schneller ist der Lucid Air Sapphire aus den USA – die luxuriöse Sportlimousine knackt mit ihren über 1200 PS die Schallmauer von 2 Sekunden auf Tempo 100. Absoluter Irrsinn.

Kaum noch zu verkraften

Doch da geht noch mehr: Das kroatische Hypercar Rimac Nevera, das mit vier E-Motoren eine Systemleistung von 1407 kW/1914 PS generiert, katapultiert sich in 1,85 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Wohin die Reise gehen kann, zeigt der experimentelle McMurtry Spéirling Pure, der sich in unter 1,5 Sekunden auf Tempo 100 schiesst. Was kommt danach – beamen?

Alle vier Bugatti-Rekordfahrzeuge (von links nach rechts: Veyron 16.4 Super Sport World Record Edition, Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse World Record Edition, Chiron Super Sport 300+ und W16 Mistral World Record Car) sind Teil der Singh-Collection. Foto: Bugatti

Derweil rollt aus China der Yangwang U9 X an, der mit seinen vier E-Motoren eine Systemleistung von 2167 kW generiert – das sind fast 3000 PS! Das Modell der BYD-Tochter ist aber nicht nur beeindruckend stark, es fährt auch unglaublich schnell: Auf dem Hochgeschwindigkeitsoval im norddeutschen Papenburg erreichte das Modell eine Spitzengeschwindigkeit von 496,22 km/h und pulverisierte damit die bisherige Rekordmarke für Serienfahrzeuge, die der französische Bugatti Chiron Super Sport 300+ mit Verbrennungsmotor hielt.

Leistung ist nichts ohne Kontrolle

Natürlich ist es faszinierend, was der E-Antrieb für Möglichkeiten bietet. Irrwitzige Power per Software, horrende Beschleunigung bloss mit ein paar Code-Zeilen, dass dies für die Autohersteller verlockend ist, ist nachvollziehbar. Voraussetzung dafür sind aber grosse Batterien und eine hohe Bordspannung, denn diese sind massgebend für die Leistungsfähigkeit der E-Motoren. Diese Riesenakkus sind sehr schwer, was wiederum mehr Leistung voraussetzt, um mit dem hohen Gewicht auf gute Fahrwerte zu kommen. Ein Teufelskreis.

Lucid Air Sapphire aus den USA: Die luxuriöse Sportlimousine knackt mit ihren über 1200 PS die Zwei-Sekunden-Schallmauer von 0 auf Tempo 100 km/h. Foto: Lucid

Da diese schweren Batterien flach im Fahrzeugboden angebracht werden, ist der Schwerpunkt der E-Fahrzeuge sehr tief. So können auch diese Schwergewichte leichtfüssig bewegt werden. Auch, weil sich die Antriebskraft der oft mehrmotorigen E-Autos stufenlos von Achse zu Achse und von Rad zu Rad verteilen lässt. Doch die grossen Akkus sind nicht nur sehr schwer, sie sind auch sehr teuer. Zusammen mit den teureren Fahrwerkskomponenten, die es braucht, damit die enorme Power sicher auf die Strasse gebracht und einfach im Zaum gehalten werden kann, treiben sie die Preise der E-Autos weiter nach oben. Also nix mit nachhaltig und günstig! Und wie die Verkaufszahlen zeigen, ist die Kundschaft aktuell gerne bereit, für mehr Power auch entsprechend zu bezahlen. Und daher wird sich die E-Leistungsspirale weiter drehen.

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