Lamborghini Temerario: Kindheitstrauma überwunden
Ein V8-Biturbo mit drei E-Motoren statt des legendären V10-Saugers: Kann das gutgehen oder fehlen Lamborghinis Supersportler Temerario nun Seele und Power? Autosprint hat es getestet.

Auf der Ferienreise ins Südtirol fuhren wir in meiner Kindheit an einem roten Lamborghini Countach mit offenen Flügeltüren vorbei. Ich wollte unbedingt anhalten, meine Eltern weiterfahren. Entgegen elterlicher Versprechungen stand der Donnerkeil mit V12-Motor auf dem Rückweg nicht mehr da. Damit waren mein Tag und ein Teil der Ferien damals gelaufen. Heute startet im italienischen Bari bei Maldarizzi Automotive die Überwindung meines Lamborghini-Kindheitstraumas: Hier in Apulien stehen nicht nur unbezahlbare Kundenfahrzeuge in den unterschiedlichsten Farben, sondern wartet eben auch ein brandneuer Lamborghini Temerario in der Farbe Celeste Fedra, einem auffälligen Helltürkis, auf mich zum Testen. Mit Vierliter-V8-Biturbo und drei E-Antrieben für insgesamt 677 kW/920 PS und 700 Nm sowie puren Fahrspass. Einen ganzen Tag lang. Was will man mehr?

«Bella macchina e bel colore»
Bei den ersten Kreiseln raus aus Bari Richtung Polignano a Mare merke ich schon, was ich mehr will: einen ganz normalen Blinkerhebel. Der fehlt beim neuen Superboliden, stattdessen gibt es links am Lenkrad zwei Tasten und in deren Mitte einen Off-Knopf. Das Positive: Italiener verzeihen es, wenn man im Lambo ohne Blinken aus dem Kreisel fährt. Daumen nach oben, gezückte Handys am Steuer – hier im Süden sind Autos noch Stars. So lernt man dank des Temerario Menschen kennen, und das trotz Sprachbarrieren. Der Grossvater am Fussgängerstreifen in Fasano überquert diesen erst zögerlich – Lamborghinis halten wohl sonst eher nicht für ihn –, dann begeistert die Strasse und schmettert mir ein «Bella macchina e bel colore!» hinterher.

An der Piazza Ciaia, wo ich mein Smartphone für das Navigieren der Testroute erneut mit dem Auto koppeln will, bin ich sofort von einer Traube Schulkinder umringt. Ja, sie dürfen Selfies machen – ich will ja keine Kindheitstraumata verursachen. Ich stelle aber fest: Der Lamborghini mag Apple lieber als Android. Ins Gebiet der berühmten Trulli, der weissen Rundhäuser mit den kegelförmigen Steindächern rund um Alberobello, findet man jedoch auch so problemlos.

Handzahm trotz Riesenwalzen
Dem Supersportler mit seinen Riesenwalzen (255/35 ZR 20 vorne und 325/30 ZR 21 hinten), die frech unter den sechseckigen Rückleuchten und neben dem riesigen Diffusor für zusätzlichen Abtrieb hervorschauen, mutet man auf den schlechten Nebenstrassen Apuliens einiges zu. Dafür gibt es zwei Lösungen: Entweder mit dank Lift-Funktion angehobener Schnauze sanft darübergleiten oder schnell genug über die Schlaglöcher brettern, ohne dass das mit diversen Karbonteilen nochmals 25 Kilo leichtere Spaceframe-Vollalu-Chassis den Wagen ins Unglück drückt oder Front oder Bodenplatte reinknallen. Oder den Löchern ausweichen: Dank superpräziser Lenkung ist das auch im letzten Moment locker möglich. Und Leistung hat die lediglich 1,20 Meter flache Flunder ebenfalls mehr als genug. Von 0 auf 100 km/h geht es locker in 2,7 Sekunden, Spitze wären 343 km/h, aber so dynamisch wollen wir es auf normalen Strassen nicht angehen. Den Rennmodus Corsa und die drei ebenfalls über den Drehregler am Lenkrad einstellbaren Drift-Stufen für kontrolliertes Übersteuern lassen wir heute lieber aussen vor.

Schwinger-Muni statt Kampfstier
Den Dreh mit den Modi haben wir auch so schnell raus, wechseln von Città, in dem der Hybrid immerhin bis zu fünf Kilometer weit rein elektrisch unterwegs sein könnte, auf Strada und Sport, in denen wir die acht Gänge des Doppelkupplungsautomaten selbst sortieren. Doch aufgepasst: Während der Temerario in den ersten zwei Modi fast handzahm agiert und die drei E-Motoren dem Biturbo jegliches Turboloch austreiben, kann im Sport-Modus das Heck gerne etwas leichter werden. Macht Spass, bringt bei einem doch rund 420’000 Franken teuren Wagen aber auch Verantwortung mit sich.

Auf den Strassen rund um Gorgofreddo mit Blick auf die Adria kann man den V8-Motor herrlich hochdrehen. Zwischen 4000 und 7000 U/min säuselt er mit 700 Nm dahin, die volle Power und die passende Soundkulisse gibt es erst ab 9000 U/min – oder beim Runterschalten, denn dann faucht, spuckt und bollert der V8 und lässt es krachen.

Komplett neue Klangkulisse
Der Lamborghini klingt zwar ganz anders als seine Vorgänger mit legendärem V10-Saugmotor: statt wilder Kampfstier eher stolzer Schwinger-Muni und nicht mehr so brachial. Da wird mir erst bewusst, dass ich bislang ganz ohne Radio unterwegs war. Zwar könnte ich nun noch das in der freischwebenden Mittelkonsole integrierte Display bemühen und statt Fahrzeug- und Navigationsdaten auf den hexagonalen Kacheln, die an die Form der Tagfahrlichter erinnern, nach dem passenden Sound suchen. Doch ich geniesse lieber die Zeit in den superbequemen Schalensitzen, bewundere die Karbon- und Wildlederdetails und verdränge mein Kindheitstrauma Kilometer für Kilometer erfolgreich immer mehr.


