VW unter Druck: «Schnelligkeit ist das oberste Credo»

Wie andere Hersteller steckt auch VW in einer Krise. Entwicklungsvorstand Kai Grünitz erklärt, wie die Marke Entwicklungszeiten drastisch verkürzt und im Wettbewerb mit China bestehen will.

Kai Grünitz, Mitglied des Markenvorstands Volkswagen, Geschäftsbereich «Technische Entwicklung». Fotos: Volkswagen

Absatzeinbrüche in den wichtigen Märkten, immer mehr bürokratische Hürden in der EU und eine neue Konkurrenz aus China, die mit deutlich längeren Speeren zum Wettkampf antreten: Wie einige deutsche Autohersteller steckt auch Volkswagen in einer heiklen Lage. Ob die Situation auch an falschen Produkten liegt und wie sich die Marke aus dieser Bredouille befreien will, verrät Entwicklungsvorstand Kai Grünitz.

Herr Grünitz, die deutsche Autoindustrie hat zu kämpfen. Muss das Produktportfolio von VW an die neuen Bedingungen angepasst werden?
Kai Grünitz, Mitglied des Markenvorstands Volkswagen, Geschäftsbereich «Technische Entwicklung»: Ja, die Autohersteller in Europa sind aktuell gefordert. Die Herausforderung bei VW ist aber nicht das Portfolio. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren unsere gesamte Verbrenner-Palette erneuert, werden bei den vollelektrischen ID.-Modellen in diesem Jahr eine Offensive mit sechs neuen Autos starten. Wie stark wir bei der aktuellen Modellpalette aufgestellt sind, zeigen die Verkaufszahlen. Wir sind mit deutlichem Abstand Marktführer in Europa.

VW ID.Every1.

Aber nicht in China, dem grössten Absatzmarkt…
Im chinesischen Markt sehen wir eine enorme Agilität. Schnelligkeit ist das oberste Credo, weil sich sowohl Technologien als auch Trends wahnsinnig schnell ändern. Deswegen sind die Wettbewerber dort bestrebt, in kurzen Entwicklungszyklen von etwa 20 bis 30 Monaten neue Produkte auf den Markt zu bringen, zu immer niedrigeren Preisen. Aber wir haben einen starken Plan, entwickeln in der Zeit und zu den Kosten der besten chinesischen Wettbewerber. Die ersten Autos dieser «In China, für China»-Strategie kommen in den nächsten Monaten auf den Markt. Ich bin zuversichtlich, dass wir so in den Top 3 der grössten Hersteller in China bleiben und der grösste nicht-chinesische Hersteller sein werden.

Was kann ein alteingesessener Hersteller wie VW tun, um die Entwicklungszyklen auf «China Speed» zu bringen?
Unser ursprünglicher Produktentstehungsprozess – das ist wichtig, es ist ein Entstehungsprozess, kein Entwicklungsprozess – lag in der Vergangenheit bei etwa 54 Monaten. Wir haben vor zweieinhalb Jahren angefangen, in China eine eigene technische Entwicklung aufzubauen. Wir haben dort viele innovative Prozesse etabliert: die Nutzung von Künstlicher Intelligenz, verstärkter Einsatz von Simulationen, andere Teamstrukturen, agile Zusammenarbeitsmodelle. Das hat uns dazu gebracht, dass wir in China in 22 bis 30 Monaten ein neues Modell entwickeln. Was wir in China gelernt haben, transferieren wir jetzt schrittweise nach Wolfsburg. Die ersten Erfolge sehen wir beispielsweise bei der Serienversion des ID. Every1. Wir entwickeln sie in 36 Monaten mit einer neuen Plattform-Variante des MEB+, einer neuen Elektronikarchitektur. Auch der ID. Polo, der in diesem Jahr auf den Markt kommt, wurde schon in rund 36 Monaten entwickelt.

Volkswagen Brand Board Member for Technical Development

Diese neuen Modelle sollen besser ankommen als der ID.3 damals, der nicht sehr erfolgreich gestartet ist.
Wir haben beim ID.3 Kritik von unseren Kunden bekommen – und sie schnell abgestellt. Mit Erfolg, die Verkaufszahlen sind sehr gut. Beginnend mit dem ID. Polo gehen wir jetzt den nächsten Schritt mit Blick auf Design, Bedienung und Qualität. Davon wird auch der ID.3 profitieren.

In China ist die Verknüpfung mit der digitalen Welt im Auto deutlich wichtiger als bei uns. Will man das Thema in Europa forcieren, um auf China-Level zu kommen? Oder entwickelt man da parallel?
Das muss der Kunde entscheiden. In China ist die Welt deutlich digitaler. In Europa werden wir sehen müssen, ob die Kunden einen Mehrwert für sich erkennen. Wenn sie diese Funktionen wollen, können wir sie schnell liefern.

Cockpit des ID.Every1.

Der VW-Konzern hat den Vollhybrid in der Vergangenheit stiefmütterlich behandelt, nun kommen neue Modelle mit dieser Antriebsart. Gibt es da jetzt ein Umdenken wegen der Aufweichung des Verbrennerverbots in der EU?
Nein, der HEV-Antrieb war schon vorher geplant.

In welchen Modellreihen wird der Vollhybridantrieb nach dem T-Roc denn noch kommen?
Bei der Marke VW wird auch der Golf damit ausgerüstet.

Kai Grünitz, Mitglied des Markenvorstands Volkswagen, Geschäftsbereich «Technische Entwicklung». Fotos: Volkswagen

Zum Abschluss: Wie sieht Ihr Wunschauto der Zukunft aus?
Es ist ein Auto, das ich so individualisieren kann, dass es zu meinem Auto, zu meinem Volkswagen wird. Und diese Zukunft beginnt bereits nächstes Jahr mit dem ID. Every1.

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