Euro 7: Der Kampf gegen Mikropartikel

Ende Jahr tritt die neue Abgasnorm in Kraft, die auch den Abrieb von Reifen und Bremsen reguliert. Die Pneuhersteller sind gefordert und reagieren mit unterschiedlichen Ideen darauf.

Die kommende Euro-7-Norm reguliert auch den Reifenabrieb, was die Pneuhersteller vor neue Herausforderungen stellt. Foto: Michelin

Pneus werden gemeinhin unterschätzt. Sie sind der einzige Kontaktpunkt des Fahrzeugs zur Strasse, und ihre Aufstandsflächen sind insgesamt nur etwa so gross wie vier Handflächen. Dennoch übertragen sie nicht nur die Beschleunigungskraft auf den Asphalt, sondern sorgen auch für die Bremsleistung und halten das Auto in den Kurven in der Spur. Darüber hinaus beeinflussen die Pneus, wie viel Energie ein Auto verbraucht, um vorwärtszukommen; gerade bei Elektroautos sind deshalb rollwiderstandsarme Reifen gefragt. Und die Gummis sind ein sehr wichtiger Faktor bei der Lärmemission eines Autos, denn die Abrollgeräusche haben daran einen entscheidenden Anteil.

Bei der Zusammensetzung von Reifen setzt die Reifenindustrie zunehmend auf umweltfreundliche Komponenten. Foto: Goodyear

Pneus sind aber auch eine Umweltbelastung. Autoreifen hinterlassen konstant winzige Gummipartikel, die beim Fahren abgerieben werden. Weltweit entstehen so pro Jahr etwa sechs Millionen Tonnen Gummiabrieb, der in die Umwelt gelangt. In der Schweiz sind es immerhin noch rund 8900 Tonnen Partikel jährlich. Somit sind Pneus die grösste Quelle von Mikroplastik in unserem Land. Nun führt die EU mit der kommenden Euro-7-Norm, die für die Typgenehmigung völlig neuer Fahrzeugmodelle bereits ab dem 29. November 2026 gilt und ein Jahr später auch für alle neuen Serienautos Pflicht ist, erstmals klare Abriebgrenzwerte ein. Nach den Personenwagen und leichten Nutzfahrzeugen soll das Ganze ab Mai 2028 ebenfalls für LKW und Busse gelten. Die neuen Vorschriften betreffen zudem nicht nur den Reifen-, sondern auch den Bremsabrieb. Denn auch die Bremsscheiben und Bremsbeläge emittieren bei jedem Verzögern schädliche Mikropartikel.

Reifenhersteller Bridgestone erforscht aktuell die Pflanze Guayule als mögliche Latexlieferantin. Foto: Bridgestone

E-Autos verschärfen das Problem

Die Pneuhersteller stehen damit unter Druck, neue Reifen zu entwickeln, die weniger Abrieb erzeugen. Leider vergrössert gleichzeitig die wachsende Anzahl Elektroautos das Problem, da rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge wegen ihrer grossen und schweren Hochvoltbatterie deutlich mehr Gewicht auf die Räder bringen als vergleichbare Autos mit Verbrennungsmotor. Das Resultat: Ihr Reifenverschleiss und damit der Reifenabrieb ist gemäss Studien um bis zu 50 Prozent höher.

Die grossen Reifenhersteller, darunter Continental, Bridgestone, Goodyear, Michelin und Pirelli, wollen zudem die Arbeitsbedingungen und den Naturschutz beim Naturkautschukanbau verbessern. Foto: Continental

Die Lösungsansätze der Reifenhersteller sind unterschiedlich, viele setzen aber vor allem bei den verwendeten Materialien an. Statt synthetischem Kautschuk auf Erdölbasis werden vermehrt nachhaltige Stoffe eingesetzt. Continental beispielsweise verwendet Kautschuk, der aus dem russischen Löwenzahn gewonnen wird. Damit soll eine Verringerung von Verschleiss und Rollwiderstand um rund 25 Prozent erreicht werden können.

Einer der Reifen aus Löwenzahn von Continental. Foto: Continental

Auch Michelin verfolgt das Ziel, Reifen aus 100 Prozent biologisch hergestellten und recycelten Materialien auf die Strasse zu bringen, die dadurch deutlich abriebärmer sein sollen. Naturkautschuk, recycelte Kunststoffe und pflanzliche Öle kommen dabei zum Einsatz. Schon heute sind Reifenmodelle auf dem Markt, die zu einem grossen Teil aus nachhaltigen Materialien bestehen, wie etwa der P Zero E von Pirelli, der zu 55 Prozent aus nachhaltigen Stoffen gefertigt wird. US-Hersteller Goodyear hat bereits einen strassenzugelassenen Prototypen präsentiert, der zu 90 Prozent aus nachhaltigen Materialien besteht.

So ähnlich könnte das Gerät des Start-ups The Tyre Collective aussehen, das hinter jedem Rad eines Fahrzeugs verbaut werden kann, um Partikel einzusammeln. Foto: The Tyre Collective

Neue Pflichten – neue Chancen

Allerdings sind nicht nur die Materialien der Pneus entscheidend; die beim Fahren unvermeidlichen Gummipartikel sollen möglichst gar nicht in die Umwelt gelangen. Start-ups wie The Tyre Collective arbeiten deshalb an Systemen, die den Pneuabrieb direkt am Rad auffangen, um ihn so möglichst vollständig von der Umwelt fernzuhalten. Wann solche Auffangsysteme marktreif werden, ist jedoch offen. Ausserdem forschen Pneuhersteller an immer neuen Reifendesigns und -architekturen, die den Gummiabrieb ebenfalls weiter senken sollen. Ein Ansatz: Reifen, die nicht mehr mit Luft gefüllt werden, sondern stattdessen auf einer Struktur aus vielen einzelnen Lamellen aufbauen. Sie sollen Unebenheiten besser ausgleichen, weniger pannenanfällig sein und deutlich weniger Abrieb erzeugen.

Beim Uptis handelt es sich um eine Rad-Reifen-Kombination, die ohne Luftdruck auskommt und für PW und Kleintransporter entwickelt wurde. Foto: Michelin

Die Pflicht, abriebärmere Pneus zu entwickeln, ist für die Reifenhersteller eine Herausforderung, aber auch eine Chance. Gemäss einer Studie von BCC Research wächst der Markt für «grüne» Reifen von 70 Milliarden Franken im Jahr 2024 auf geschätzte 123 Milliarden Franken im Jahr 2029, was einem jährlichen Wachstum von fast 12 Prozent entspricht. Pneuhersteller, die den neuen Euro-7-Grenzwert früh erfüllen, können sich im neuen Markt entsprechend profilieren und dürfen mit Vorrang bei den Autoherstellern rechnen. Denn jedes ausgelieferte Neufahrzeug ist ab Werk mit einem Satz Pneus ausgestattet – ein unverzichtbarer Markt für die Reifenhersteller.

 

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